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Ein Paar, ein Haus – Tiny House

Bad Reichenhall

Ein Paar, ein Haus – Tiny House

„Klein aber fein“ – diese Floskel ist abgedroschen, ja! Doch sie schießt mir sogleich in den Kopf, als ich in Regina Pläskens und Lasse Carstensons Tiny House eintrete. Das Haus ist klein und ist fein. Alles ist fein! Regina bietet mir einen Stuhl am Esstisch an. Sie hat bereits Platz genommen, sitzt mir gegenüber, schlürft Kaffee. Sie steht noch einmal auf, ruft ihren Mann Lasse ins Haus. Er bringt Hund Layla mit. Lasse setzt sich zu uns an den Küchentisch, Leyla nimmt brav neben dem Kachelofen Platz im Hundekorb. Wir sitzen im Esszimmer, das gleichzeitig Küche, Wohn-, und Schlafzimmer ist und quatschen.

Ich will etwas über das junge Bauingenieur-Paar erfahren, das ein Tiny House ins 500-Seelen-Dorf Mühlreit (Gemeinde Ainring) zwischen Doppel- und Einfamilienhäuser gestellt hat. Richtig, gestellt! Der Unterbau steht auf Tonbruch, der verhindert, dass sich Wasser ansammelt, es gefriert oder dass sich Tiere einnisten. Das Haus – ein Holz-Rahmen-Bau – ist ein gleichzeitig ein Wagen mit Stahluntergestell. „Wir haben in der Hallertau den alten Bauwagen (Baujahr 1984) eines Waldkindergartens gekauft“, erzählt Lasse. „Ihn auseinandergenommen, Ameisen und Hummelnester gerettet und hergerichtet“, fährt Regina fort. Was noch gut gewesen sei am Wagen – das Tragwerk und die Eichenholzwand – hat das Paar erhalten. Vorne und hinten haben sie drangebaut, hinten noch aufgedoppelt. So wohnen sie auf 25 Quadratmeter plus Schlafzimmer.

Das erhöhe Schlafzimmer ist eigentlich mehr ein Matratzenlager, in dem Regina und Lasse allerdings aufrecht stehen können, ohne sich den Kopf anzustoßen. Ins Bett steigen sie über eine Leiter.
Im Anbau ist im hinteren Flügel das Schlaflager mit Stauraum, ein kleines Büro und eine gemütlichen Sitzecke untergebracht, im vorderen Flügel das Bad. Das Bauwagendach ist gewölbt „Wir haben die Gewölbedecke im vorderen Anbau weitergeführt, erklärt Lasse. „Das war etwas kompliziert“, erinnert sich Regina an die Bauzeit. Mit heimischer Fichte haben sie drangebaut „Wir haben bewusst einen regionalen Baustoff verwendet,“, erklärt Regina.

Die beiden sind vom Fach, haben alles selbst geplant und gebaut. Freunde und Reginas Vater haben mitgeholfen. Etwa ein Dreivierteljahr hätten sie gebaut. Wegen des Jobs haben sie oft nur am Wochenende arbeiten können. Reine Bauzeit? „Vier Monate vielleicht“, überlegt laut.

Der Anbau ist aus Fichte, der Bauwagen selbst – der Mittelteil – aus Eiche. „Das schöne alte Eichenholz haben wir erhalten können“, freut sich Lasse. Auch Reginas Augen leuchten. „Die beiden schätzen das Alte. „Wir haben uns bemüht, das, was schon da ist, in unser Zuhause zu integrieren“, erklärt Regina. „Ich mag es, wenn Dinge eine Geschichte erzählen“. Lasse nickt.

Das Konzept von „Reuse“ spiegelt sich im und um das Haus wider. Die Badtür ist die alte Klotür eines Bauernhauses, die Küche hat jemand nicht mehr gebrauchen können und ihnen verkauft, die beiden übereinander gestapelten Kleiderschränke sind aus dem Haus von Reginas verstorbenen Großvater. Liebevoll haben die beiden all das Alte aufgewertet, es abgebeizt. „Lasse hat sich richtig viel Mühe gegeben“, Regina sieht ihren Mann an und lächelt. „Altes Holz hat etwas“, sagt Lasse, zuckt verlegen mit den Schultern. Die Ausstattung des Minihauses ist zusammengewürfelt und sehr stimmig. Vieles ist alt, vieles neu und innovativ.

Der ausklappbare Tisch mit integrierter Schubbladenleiste zum Beispiel, das Gästebett! Direkt unter Reginas und Lasses Bett versteckt sich noch ein Bett. „Den Lattenrost lassen wir einfach runter, wenn Besuch kommt“, erklärt Regina.
Ihre Sachen verstauen Regina und Lasse im Schuppen im Garten. Sie lagern dort das Werkzeug, alles fürs Hobby Mittelalter, die Schiausrüstung, die Bergsteigerausrüstung, die Winterkleidung. „Nur was wir ständig brauchen, bewahren wir im Haus auf“, erklärt Regina. Das Haus ist nicht vollgestellt.

Warum wohnen die beiden eigentlich in einem Tiny House, wo doch – anstelle von Minihaus und Schuppen – ein Einfamilienhaus auf das Grundstück gepasst hätte? „Auf einem Lagerfeuerabend war die Idee geboren“, erinnert sich Regina. Sie hatte eine Doktorandenstelle bei einer Salzburger Firma in Zusammenarbeit mit der TU München angeboten bekommen, als Lasse und sie ihren Lebensmittelpunkt noch in München gehabt hatten. Schnell sei klar gewesen, zum WG-Zimmer in München brauche es einen Schlafplatz in Salzburg. Doch zwei WG-Zimmer, in zwei teuren Städten war dem Paar als „fast unbezahlbar“ erschienen. „Von Schlafplatz sind wir irgendwie über Wohnwagen und Bauwagen auf Minihaus gekommen“, erinnern sie sich.
Ein Grundstück sei da gewesen, ein Haus nicht, eine Baugenehmigung auch nicht. Die Genehmigung haben sich die beiden auf der Gemeinde eingeholt. Die Mitarbeiter im Bauamt seien etwas verdutzt gewesen. „Wollt ihr da wirklich wohnen?“ hätten sie ungläubig gefragt. Die Gemeinde sei allerdings sehr offen gewesen für die ungewöhnliche Bauanfrage. Schnell war das Projekt genehmigt.
An die Wasserleitung und ans Stromnetz ist das Haus angebunden. „Wir leben um Gottes Willen nicht autark“, lacht Lasse. „Wir haben eine Mülltonne und einen Briefkasten – wie die Nachbarn auch“, fügt Regina hinzu.
Die beiden haben sich mit anderen Tiny House-Besitzern ausgetauscht. „Da gibt es schon welche, die kalt duschen und ein Plumpsklo haben“, sagt Lasse.

„Weniger ist das neue mehr bemerke ich“ und will wissen, wie die beiden zum Trend des minimalistischen Lebens stehen. Regina und Lasse überlegen. „Wir häufen nicht unnötig Dinge an.“ Dem Trend würden sie allerdings nicht folgen. „Wahrscheinlich hätten wir auch kein Tiny House gebaut, hätten wir gewusst, dass wir damit einem Trend folgen.“ Lasse denkt laut und Regina nickt. Die beiden sind sich einig. Bei allem irgendwie, so scheint es.
Mir war schon während der Unterhaltung klar, die beiden haben mit ihrem Tiny House-Bau keinen Trend aufgegriffen. Sie halten nichts von Trends. Und ich halte nichts von Redewendungen wie „klein aber fein“. Was soll’s – wenn’s passt!

Tiny House

Ein Tiny House ist ein kleines Gebäude, in dem Menschen leben, selten ein ausgelagertes Büro, ein Spielzimmer oder Freizeithaus.
Ein Tiny House steht in der Regel frei auf einem Grundstück.
Der Begriff stammt aus den USA. Dort haben sich im Nachgang der Immobilienkrise viele Menschen dazu entschlossen nach alternativen und günstigeren Möglichkeiten des Wohnens zu suchen. Zentraler Gedanke ist die Rückbesinnung auf das wesentliche und wichtige im Leben, fernab des materiellen Wohlstands.
In den USA setzt dieser Trend hauptsächlich auf das Konzept des „Tiny House on Wheels“ auch abgekürzt THOW. Also Minihäuser auf Rädern. Die Besitzer nutzen in den USA Gesetzeslücken aus und müssen deshalb einigen Anforderungen an reguläre Wohnhäuser nicht genügen.(Quelle: tiny-houses.de)

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